Hallo, fremder Keim!

fish-33712Mein kleiner Junge und ich gehen mal wieder zum Baby-Delfin-Schwimmkurs ins Schwimmbad an der Seestraße im Wedding. Eine halbe Stunde pro Woche tollen wir nach Anweisung der Schwimmlehrerin durch das – im wahrsten Sinne des Wortes – pisswarme Wasser. Bei den Horden an Babys und Mamis, die sich da im Halbstundentakt ablösen, schätze ich den Wassergehalt auf maximal 10 Prozent. Macht aber nichts, ist ja Chlor drin und Chlor desinfiziert. Da haben Keime keine Chance.

Nach dem Kurs gehts ab unter die Dusche und in der Umkleide drängen sich nackte Mamis zwischen nackten Kleinkindern. Die Kleinen heulen, es ist eng und jeder will so schnell wie möglich hier raus, bevor der nächste Schwung Mütter für den nächsten Kurs kommt.
dessert-282381_1920Der braune 70er-Jahre-Steinfußboden klebt, Krümel von eilig in Kindermünder geschobenen Keksen ersaufen in Chlorwasser-Lachen und verschmelzen mit dem Dreck der Straßenschuhe zu einem Brei, der den in Regenwasser schmelzenden Hundehaufen auf den Wegen hin zum Schwimmbad gleicht.
Ein Eineinhalbjähriger neben mir starrt fasziniert auf seinen kleinen Penis, dann stellt er sich breitbeinig hin, kuckt sehr konzentriert und pinkelt los. Das plätschernde Wässerchen rinnt unaufhaltsam auf meine nackten Füße zu.

Egal, denke ich, erst letzte Woche schwärmte die Heilpraktikerin aus dem Familienzentrum von der Eigenurintherapie. Denn frisches Urin wirke desinfizierend und reinigend. Voller Stolz erzählte sie, dass auch ihr 20-jähriger Sohn jeden Morgen damit gurgle.
Da hatte ich Bilder im Kopf: Er, früh morgens nach einer leidenschaftlichen Nacht mit seiner neuen Liebsten im Bett. Sie sagt: „Küss mich noch einmal!“ und er sagt: „Warte kurz, ich muss vorher nochmal ins Bad, gurgeln.“ Sie denkt an Pfefferminz, er an die Empfehlung seiner Mutter.
lemon-1918082_1920Aber soll ja jeder so, wie er will, das muss man entspannt sehen. Ich therapiere also meine Füße mit warmen Fremdurin. Ekel ist schließlich nur etwas Anerzogenes, denke ich, und fühle mich von der Heilpraktikerin sehr gut gebrieft.

Mein kleiner Sohn sieht einen durchweichten Kekskrümel auf dem Boden, bückt sich und steck ihn sich in den Mund. Doch wie schon die Heilpraktikerin sagte: „Denkt daran, da ruft das Immunsystem eures Kindes ‚Hallo, fremder Keim! Schön, dich bekämpfen zu dürfen‘ und freut sich. Bleibt gelassen und freut euch mit ihm!“ Ich bleibe also gelassen und freue mich gemeinsam mit dem Immunsystem meines Kindes auf diese neue Erfahrung. Als er vor zwei Wochen irgendwas Gelbes, Glibberiges vom Beckenrand gepult und gegessen hat, ist er ja auch nicht tot umgefallen. Dafür hebt es mich auch heute noch beim Anblick von Vanillepudding.

Damit meine Freude nicht noch größer wird, stelle ich meinen Sohn in den proppevollen Laufstall der Umkleide. Das ist S-Bahn-Feierabendverkehr-Feeling für die Kleinsten. Ein Kind niest lautstark, Rotz wirbelt durch die Luft, niemand kann dem Tröpfchenregen im Kinderknast entkommen. mucus-2312539_1920Ich jubiliere innerlich: Hallo, fremder Keim! Wie schön dich bekämpfen zu dürfen.
Meine Güte, bin ich froh, dass ich bei diesem Heilpraktiker-Vortrag dabei war – ohne dieses beruhigende Mantra „Hallo, fremder Keim, wie schön …“ hätte ich schon längst meine Contenance verloren.

Immer, wenn sich die Schiebetür auf den Gang öffnet, lugen drei pudelbemützte Viertklässler mit schlänkernden Turnbeuteln in die Umkleide herein. Einer zieht die Tür auf, dann gibt es großes Gefeixe, dann zieht einer die Tür wieder zu. Auf das sonore Gezeter ihres Schulsportlehrers auf dem Gang reagieren sie nicht. Mit einem Fuß im Vorhof der Pubertätshölle bekommen sie sich angesichts so viel nackter Mamihaut gar nicht mehr ein. Die Tür öffnet sich erneut, ein dicklicher Mann reckt seinen puterroten Kopf hinein, mustert uns ausgiebig von Brust bis Po und ruft: „Tschuldigung, die Kinder …“factory-1510594_1920
Freud wäre von dieser Szenerie im Wedding entzückt gewesen. Ich bleibe gelassen beim Anblick dieses Eindringlings und denke mir „Hallo, fremder Keim, wie schön …“

So langsam kommt wieder Ordnung in die Umkleide, ausgebeulte Jogginghosen werden hochgezogen, übergroße Pullis übergestreift, Turnschuhe angezogen. Wir sehen alle ein wenig verlottert aus, naja, Mamistyle eben, denke ich und krame in meinem Spint.
„Du siehst ja heute wieder toll aus, was du da anhast, voll der Style… dass du überhaupt die Zeit dafür findest …“
Ich drehe mich um, anscheinend hatte ich da was übersehen und mustere die Angesprochene. Aber ich kann keinen Unterschied zu mir oder den anderen erkennen: ausgebeulte Jogginghose, übergroßer Pulli, Turnschuhe. Da sehe ich die drei Streifen an Ärmeln und Beinen ihres Outfits, bei den anderen Mamas prangen Häkchen auf den Klamotten.
„Ja, gut, was?! Ich hatte einfach keinen Bock mehr auf diesen Mami-Schlabberlock“, sagt die Gestreifte. „Vor zwei Monaten hab ich mir gedacht, jetzt ist gut, ich tu jetzt wieder mehr für mich. Und da nutz ich die Stunde abends beim Stillen nur für mich. Zum Shoppen auf dem Handy.“
„Du shoppst jeden Abend? Das wird doch schnell teuer …“, sagt eine der Abgehakten.
„Das meiste schick ich wieder zurück. Aber das entspannt total.“
„Das sollte ich auch mal machen. Diese Activitywear von Nike isses einfach nich mehr“, steigt eine dritte Mutti mit ein.marketing-online-1427787_1920
„Naja, ich sag mal: Hauptsache kein Billigschrott“, sagt eine vierte und auf einmal unterhalten sich alle in der Umkleide über Markenklamotten.
In meinem Noname-Outfit fühle ich mich plötzlich underdressed. Nackt wars irgendwie besser.

Am nächsten Tag habe ich einen stark juckenden Ausschlag. Ich google nach Dingen, die man sich in Schwimmbädern holen kann. Ich finde Whirlpool-Dermatitis, Ganzkörper-Fußpilz, Fremdurin-Unverträglichkeit, Molluscum-Warzen. Und ein paar sehr hässliche Bilder, die meine Vanillepudding-Aversion chronisch werden lassen.
Ich bin mir aber ziemlich sicher, dass mein Ausschlag vom Markenfetischismus kommt. Dagegen bin ich nämlich wirklich allergisch.fist-2385848

Doch ich habe mir geschworen, wenn mein Sohn dann eines Tages solche Klamottenwünsche mit nach Hause bringt, werde ich gelassen bleiben und sagen:
Hallo, fremder Keim, wie schön, dich bekämpfen zu dürfen.“

Vision und Wahn macht Pause

Die beiden letzten Termine vor der Sommerpause.

Am Montag, den 6.1. 2020 findet die Lesebühne Vision und Wahn zum vorerst vorletzten Mal statt. Es lesen Marion Alexa Müller, Thomas Manegold und Robert Rescue. Es singt und spielt Tom Nils. Das Thema im Januar lautet: „Humbug“.

Am Montag, den 3.2. 2020 findet Vision und Wahn zum vorerst letzten Mal statt. Es lesen HENRIK LOHDE, Marion Alexa Müller und Thomas Manegold … Es singt und spielt MATHIAS WILDENBRUCH. Das Thema im Februar lautet: „Flaschenkind“.

Dann ist vorgezogene Sommerpause. Selbstverständlich hat das Gründe. Hauptgrund ist, dass Robert Rescue pausieren muss.  Nebengrund ist, dass wir uns eine Vision und Wahn ohne Robert nur schwer vorstellen können.

Der nächste Termin nach der vorgezogenen Sommerpause wird rechtzeitig bekanntgegeben. www.visionundwahn.de

Die periplanetanische Lesebühne Vision und Wahn existiert seit nunmehr über 15 Jahren. Wir lesen kurze Texte über uns, Berlin, Gott, andere Fabelwesen, die Welt und manchmal auch über das Monatsthema. Feste Mitglieder sind Marion Alexa Müller, Thomas Manegold und Robert Rescue. Die Lesebühne wird bis 3.2.2020 jeden ersten Montag des Monats stattgefunden haben. Der Eintritt ist frei. Man zahlt, um zu gehen.

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Thomas Manegold, Marion Alexa Müller

Der Bumerang-Effekt

Wenn man mit 18 rebellisch genug war, um von den Eltern vor die Tür gesetzt zu werden, dann ist man erst einmal glücklich. Der Knute der Eltern entflohen, konnte ich endlich tun und lassen, was ich wollte und was zuvor verboten war: Die Socken dort liegen lassen, wo ich sie ausgezogen hatte, monatelang nicht staubsaugen und ENDLICH vor dem Fernseher essen. Ich dachte, dies seien die Verheißungen der Freiheit und des Erwachsenseins und sie dauerten ewig an.

Und dann kam ER. ER ist mittlerweile 10 Monate alt, krabbelt wie ein Jack Russel auf Speed durch die Wohnung und kaut auf allem herum, was er zwischen die noch immer zahnlosen Felgen bekommt. Herumliegende Socken üben eine magische Faszination auf ihn aus, ebenso jedes Körnchen, das auf dem Fußboden liegt. Nachdem ich mich wunderte, dass er so extrem lange auf etwas wohl sehr Zähem herumkaute, holte ich ihm sogar schon Rollsplitt aus den Hamsterbacken.

Seitdem wird allabendlich die Wohnung akribisch aufgeräumt und tagtäglich gestaubsaugt. Und das Essen vor dem Fernseher haben wir Eltern uns auch verboten. Wir wollen unserem Kind ja ein gutes Beispiel sein.
Und so kommt es, dass wir Erwachsene uns selbst knechten. Nichts darf man mehr! Alles, wofür man in der Jugend rebelliert hat, ist plötzlich verboten.
Wird Zeit, dass ER langsam mal erwachsen wird …

PS: „Hat ja schon ein paar Jährchen gedauert. Aber jetzt hast du´s verstanden“, sagt mein Vater lächelnd, beißt in sein krümelndes Käsebrot und schaltet den Fernseher an.

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Hitzköppe

Hitzkopf

Ein fast wahres Dialog-Protokoll unter dem Einfluss massiver Sonneneinstrahlung.

A: Mann, ist das heiß. Das sind doch mindestens 40 Grad im Schatten.
B: Ja, ich bin auch schon ganz fertig von der Hitze. Hast du dran gedacht, die Grillkohle für heute Abend zu besorgen?
A: Verdammt, das hab ich glatt vergessen. Aber bei den Temperaturen ein Feuer anzuzünden, ist doch eh total bescheuert.
(Pause)
A: Wusstest du eigentlich, dass Hitze vergesslich macht?
B: Das glaub ich nicht. Dann würden die in Afrika ja unter permanenter Demenz leiden. Stell dir das mal vor: Unsere Vorfahren vor 60.000 Jahren. Die wären nie in Europa gelandet, weil sie jeden Tag vergessen hätten, dass sie morgen auswandern wollten. Wir würden noch heute in unschuldiger, verpeilter Unwissenheit leben und Abend für Abend beim Grillen am Lagerfeuer große Pläne für morgen schmieden. Niemand hätte die Idee umgesetzt, Ackerbau zu betreiben, die industrielle Revolution wäre ausgeblieben.petra-3010_1920.jpg
A: Und die Klimaerwärmung wäre auch vom Tisch.
B: Stimmt.
A: Aber dann wäre es auch nicht so heiß und wir würden uns ständig dran erinnern, dass das alles miteinander zusammenhängt.
B: Was hängt miteinander zusammen?
A: Das weiß ich ja nicht mehr, weil es so heiß ist.
B: Dass Du so vergesslich bist, liegt nicht an der Hitze, sondern daran, dass du vergesslich bist.
A: Nein, wirklich! Das liegt daran, dass wir so viel schwitzen und wir den Flüssigkeitsmangel nicht so schnell ausgleichen können. Das Hirn trocknet dann quasi aus und wir können uns viel schlechter konzentrieren. Noch dazu setzt die Wärme unseren Körper unter Stress. Die Stresshormone greifen dann wichtige Gehirnzellen an – vor allem im Hippocampus.
B: Hippo… hä? Was soll das sein, eine Uni für Flusspferde?
A: Nein, das ist eine Region im Gehirn, die für das Kurzzeitgedächtnis und die Konzentrationsfähigkeit verantwortlich ist. In dieser Hirnregion werden außerdem wichtige und unwichtige Sinneswahrnehmungen gefiltert. Kommt es hier zu einer Störung, greift man auf Routinen zurück. Man spult dann eingeübtes Verhalten ab und neue Informationen – wie zum Beispiel, dass man eigentlich Grillkohle besorgen wollte – werden gar nicht mehr verarbeitet.
B: Wer hat dir denn DAS erzählt?!
A: Keine Ahnung, kann mich gerade nicht daran erinnern.
B: Siehste …
feet-99991_1920A: Mann, ist das heiß. Hast du eigentlich dran gedacht, die Grillkohle für heute Abend zu besorgen?
B: Verdammt, das hab ich glatt vergessen. Wusstest du eigentlich, dass Hitze vergesslich macht?
A: Das glaub ich dir nicht. Dann würden die in Afrika ja unter permanenter Demenz leiden.
B: Quatsch, damit hat das nichts zu tun. Das liegt daran, dass wir so viel schwitzen und wir den Flüssigkeitsmangel nicht so schnell ausgleichen können. Das Hirn trocknet dann quasi aus und wir können uns viel schlechter konzentrieren. Noch dazu setzt die Wärme unseren Körper unter Stress und killt unsere Gehirnzellen.
A: Wer hat dir den DAS erzählt?!
B: Keine Ahnung, kann mich gerade nicht daran erinnern. Aber durch diese verdammte Hitze habe ich ständig Déjà-vues. Hast du eigentlich dran gedacht, die Grillkohle für heute Abend zu besorgen?
A: Verdammt, das hab ich glatt vergessen …

 

(c) Marion A. Müller. Opener-Text für die Lesebühe Vision & Wahn im August 2018.

Gewohnt ungewöhnlich – Yeah!

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Der Titel meines neuen Buches ist auf der Shortlist des Ungewöhnlichsten Buchtitels 2017

Wer hätte das gedacht … Die unterschätzte Kunst des Scheiterns und andere Mysterien im Leben von Menschen und anderen Kleintieren ist einer der zehn Titel, der aus den ca. 80.000 regulären Buchneuerscheinungen ungewöhnlich kreativ heraussticht.
Die jährliche Challenge, die von dem Leseforum Was liest du? ins Leben gerufen wurde, findet nun bereits zum fünften Mal statt und mein geliebter Verlag Periplaneta geht auch dieses Mal mit ins Rennen um die Ehre. Diesmal sogar mit zwei Titeln, denn Der Funke schweigt, wenn Feuer träumt von Calvin Kleemann ist auch mit von der Partie.
Nach dem Publikumsvoting bis zum 07.03.18 ist es dann an einer exquisiten Jury, die Konfettis zu werfen, den Tusch zu spielen und auf der Leipziger Buchmesse den Siegerkranz zu verleihen.
cover800webGewinnen mus ich nicht – nicht bei DEM Titel 🙂 Aber ich freu mich jetzt schon darüber, so viel Applaus (das ist ja bekanntlich die digitale Variante eines kleinen, grünen Insekts) bekommen zu haben. Dankeschön!

Hier geht es zur Abstimmung
Hier kann man mein Buch kaufen

Glamour, Funkeln und Flunkern

Der Artikel über mich in der flow.

Anfang 2017 fragte mich eine Redakteurin der flow, ob ich nicht Lust hätte, die „Bücher meines Lebens“ zu präsentieren. Die flow …, da fühlte ich mich als Buchmacherin schon ein bisschen geehrt, schließlich ist sie eines der am hübschesten gestalteten Magazine auf dem Markt. Es ist mit seinen verschiedenen Papiersorten und dem besonderen Design schlichtweg das Papierliebhaber-Kreativ-Magazin.

Fotoshooting im Periplaneta Literaturcafé
Fotoshooting im Periplaneta Literaturcafé

Für die dreiseitige Rubrik „Bücher meines Lebens“ sollte ich die mich prägendsten fünf literarischen Werke vorstellen und etwas darüber erzählen. Das hab ich auch gemacht: Ismael von Daniel Quinn, Eine kurze Geschichte der Zeit von Stephen Hawking, Der glückliche Prinz von Oscar Wild, Der Wolkenatlas von David Mitchell und Herr Schlau-Schlau wird erwachsen von Johannes Krätschell.

Allesamt phänomenal gute Bücher – aber ganz ehrlich: Diese Hotlist der mich prägendsten Bücher ist zurechtgeflunkert.
Denn für einen lesenswerten Zeitschriftenartikel ist die Wahrheit entweder
a) zu unspektakulär,
b) zu persönlich,
c) zu kompliziert, um den großen Kontext in ein paar einfachen Sätzen darzulegen,
d) zu einseitig (ich denk da an all jene 250 Bücher, die ich in den letzten zehn Jahren mit Periplaneta veröffentlicht habe, allen voran das allererste)
e) zu egozentrisch,
oder
f) … ja, ich muss es zugeben: schlichtweg zu peinlich.

Duits3017_CoverMitCovercard_800_4.jpgWenn ich a) bis f) allerdings weglasse, um niemanden zu langweilen und mich nicht selbst als völligen Vollhorst darzustellen, dann passt mein „Best of“ doch ganz gut. Die Realität ist wie ein Topmodel: Nur geschminkt wird sie glamourös.

Wieso ich diese fünf Bücher trotzdem und reinen Herzens jeden empfehlen möchte, kann man in der aktuellen Ausgabe der flow nachlesen (# 30; 7,50 €). Das Qualitäts-Magazin von Grunar + Jahr ist in jedem Zeitschriftenladen zu erstehen, in gut sortierten Buchhandlungen zu finden oder direkt im flow-Shop.

Die 2017er Jahresendausgabe hat noch dazu ein Sonderfarben-Glitzercover. Ein Glitzercover! Und jetzt ohne Geflunker und ohne den kreativen Umgang mit der Realität: So ein Glitzercover habe ich mir schon immer mal gewünscht 🙂

Links zum Recht

Zu meinem Vortrag „Fallstricke aus der Verlagspraxis für Verlage und Autoren“ während der Fachtagung zur BUCH BERLIN 2017 im ESTREL habe ich bei der Power-Point-Präsentation ein paar Links an die Wand geworfen.
Doch es gibt nichts Nervigeres, als ellenlange, kryptische Zeichen-und Zahlenfolgen abzuschreiben … Ich wollte das meinen Kollegen, die so aufmerksam zugehört haben, gerne ersparen.
Hier also wie versprochen die erwähnten Links:

Zu 2.1 BASICS – Vertragsfreiheit

  • VerlG: Das Verlagsgesetz von 1901
  • Normvertrag: Der gemeinsame Vorschlag des Börsenvereins der Deutschen Buchhandels und des Verbands deutscher Schriftsteller von 2014

Zu 3.3 TITELSCHUTZ – Auswahl des Titels

Zu 3.5 TITELSCHUTZ – Knifflig

  • FAQ zum Titelschutz im Börsenblatt

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Herzlichen Dank für die Aufmerksamkeit 🙂

 

„Die unterschätzte Kunst des Scheiterns und weitere Mysterien im Leben von Menschen und anderen Kleintieren“

Marion Alexa Müller -periplanetaRolf möchte eine neue Herde, Konrad versteht für einen Hamster viel zu viel von Quantenphysik und Ottfried will gleich eine ganze Weltanschauung umschmeißen. Doch leider stoßen die selbsternannten Helden, Vorreiter und Auserwählten nicht immer auf die Begeisterung ihrer Artgenossen. Mit Witz und Sarkasmus berichtet Marion Alexa Müller über das Schicksal von Menschen und anderen Tierchen. In ihren fabelhaften Geschichten wird rebelliert, geliebt, gehasst und manchmal auch gestorben. Man hat dabei erschreckend viel zu lachen und ist nach dem Lesen definitiv klüger als vorher.

Nach „Evasapfel“ ist dies der zweite Kurzgeschichtenband von Marion Alexa Müller.

MARION ALEXA MÜLLER: „Die unterschätzte Kunst des Scheiterns und weitere Mysterien im Leben von Menschen und anderen Kleintieren“ – Fabelhafte Geschichten und Heldenepöschen mit manchmal tödlichem Ausgang, Buch, Softcover, 170 S., 19 x 13,5 cm, ISBN: 978-3-95996-070-0, Edition Drachenfliege

Sadismus in der Buchbranche

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In Deutschland gibt es weit über 3.000 Buchverlage in jeder Form Größe: An dem einen Ende der Skala erwirtschaften Konzernverlage jährlich dreistellige Millionenumsätze, an dem anderen Ende freut sich ein Hobby-Verlag, der seit Jahren nur zwei Bücher im Sortiment hat, über jeden einzelnen Verkauf.

Zwischen den Konzernverlagen mit riesiggroßem Marketing-Budget und den winzigkleinen Hobbyisten gibt es eine Grauzone, in der sich die professionellen Indie-Verlage befinden: nicht so groß und marktmächtig, dass sie JEDER kennt, aber eben doch überaus professionell und markttauglich. Der Periplaneta Verlag ist einer davon.

Dabei kann auch ein Buchhändler nicht immer sofort zwischen einem Indie- und einem Hobby-Verlag unterscheiden – wer will sich schon gerne die zehnbändigen Memoiren von Tante Gertrud zeigen lassen … Dementsprechend haben es die Indies manchmal schwer, einen Präsentationstermin für ihr Sortiment zu bekommen.
Weil ich das weiß und schon seit 2007 mit den Periplaneta-Büchern unterwegs bin, gehe ich NUR zu Buchhandlungen, die nach dem Zusenden unserer Verlags-Vorschauen Interesse an einem Termin bekunden.
Ich informiere mich über ihre Schwerpunkten und packe lediglich das ein, was zu ihnen passen könnte. (Lyrik z.B. gehört nie dazu, weil sie – egal, wie toll sie ist – in Buchhandlungen geradezu unverkäuflich ist.)
Zu 99 Prozent habe ich dann ein tolles Meeting mit Menschen, die ebenfalls Bücher lieben und sie verkaufen wollen. ABER … In der Branche tummeln sich auch finstere Gestalten …

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Ich habe also nach ordnungsgemäßem Datenaustausch einen telefonisch bestätigten Termin mit Herrn X in der Berliner Literaten-Buchhandlung [Name geändert], um erstmals ein paar – vielleicht – passende Titel aus unserem Verlags-Sortiment vorzustellen.
Es ist Montag, 16.00 Uhr (eigentlich ein ungewöhnlicher Termin, denn bei den meisten Buchhandlungen ist da gerade Stoßzeit) und für meine Anreise habe ich eine Stunde gebraucht.

In der geräumigen Buchhandlung ist kein einziger Kunde und ich melde mich pünktlich, im ordentlichen Zwirn und dem Vertreterköfferchen in der Hand am Tresen.
 Dahinter umklammert eine magere Mittvierzigerin, die in einer cremefarbenen Tunika ihre Schultern verloren hat, einen weißen Becher mit angetrockneten Kaffeeflecken. Das Leben hat es nicht geschafft, ihr eine einzige Lachfalte ins Gesicht zu zaubern. Sie starrt mir gelangweilt entgegen.
Ich strahle sie an: „Einen wunderschönen guten Tag! Ich habe einen Gesprächstermin mit Herrn X. Wohin soll ich mich denn bitte wenden?“
Die Buchhändlerin hebt die Schultern und die Augenbrauen: „Ach ja?!! Sie wollen Ihr Sortiment vorstellen, NICHT WAHR?! Also MONTAGS ist Herr X nie da. Sonst ist er ja immer da. Aber montags … das tut mir jetzt aber WIRKLICH für Sie leid.“
Ich ärgere mich kurz und übergehe nett lächelnd ihren schnippischen Tonfall: „Dann zeige ich eben IHNEN die Bücher und lasse das Infomaterial für Herrn X da.“
Buchhändlerin, stoisch: „Ich bin nicht zuständig.“

Periplaneta BerlinIch lasse mich nicht beirren: „Das macht ja nichts. Wenn ich schon mal mit Termin hier bin …, Sie können Ihre Eindrücke dann ja weitergeben – und da können wir die Zeit, bis Ihr nächster Kunde denn kommt, doch gut nutzen.“ Ich blinzle ihr schelmisch zu und die Buchhändlerin lächelt verkniffen. Ich lege meine Bücher auf den Tresen und schiebe sie ihr unter die Nase. Die Kaffeetasse stellt sie nicht ab, aber immerhin lässt sie mit der anderen Hand desinteressiert die Seiten durch die Finger gleiten.

Ich hab schon zu oft Bücher präsentiert, um es persönlich zu nehmen – und außerdem weiß ich, dass alle meine mitgebrachten Schätze ein echtes Verkaufspotential haben. Ich schalte um in den HSE24-Präsentations-Modus: „Wir haben hier diesen phänomenalen Berlin-Roman […] hat überschwängliche Rezensionen im Tagesspiegel, Berliner Woche, TAZ, […], das können Sie getrost [dem und dem] empfehlen.“
Die Buchhändlerin bliebt stoisch: „Berlin-Sachen verkaufen sich hier gar nicht.“
Ich werfe einen Blick auf das breite Regal, über dem ein großes BERLIN-Schild prangt.

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Na gut. Ich mache weiter: „Dann habe ich Ihnen diesen Roman mitgebracht, der [hier- und dafür] nominiert wurde und empfohlen wird von [… ich lege dicke Literatur-Eier auf den Tisch].“
Buchhändlerin, stoisch: „Das klingt ja sehr anspruchsvoll. Also für SO WAS unsere Käuferschicht zu begeistern …, das wird hier nicht funktionieren.“
Ich gebe nicht auf: „Was ist mit leichter, humorvoller Literatur?“
Buchhändlerin, stoisch: „Wir haben hier keinen Humor.“
Das glaube ich ihr aus Wort. „Gut, dann vielleicht etwas Morbides: Ich habe hier einen Krimi, geschrieben von […], der verkauft sich allein durch den Titel wie geschnitten Brot. So zum Beispiel in den Buchhandlungen XXX. Zudem hatten SIE hier letztes Jahr im Rahmen des Lese-Festivals XYZ auch eine Veranstaltung mit dem Autor. Auf Facebook haben Sie gepostet, dass sie ein voller Erfolg war.“
Buchhändlerin, stoisch: „Krimis sind bei uns quasi unverkäuflich.“

Ich bin kurz davor zu resignieren. „Sie haben wirklich ein sehr spezielles Publikum.“ Ich blicke auf die Genres, die ich dabei habe. Da fällt es mir wie Schuppen von den Augen. Sie haben mich hier einbestellt, um mich ganz bewusst abtropfen zu lassen an ihrer intellektuellen Teflon-Haut. Nichts, was ich dabei habe – mag es noch so gut, publikumskompatibel oder renommiert sein – taugt dieser Buchhandlung. Ich bin ein Opfer sadistischer Triebe, die rein literarisch ausgelebt werden. Doch ich habe noch ein Ass im Ärmel und sage: „Ich weiß, was Sie gut verkaufen!“
Buchhändlerin, stoisch: „Ja?!“
Ich: „Lyrik!“
Die Buchhändlerin ist begeistert, fast hüpft sie ein wenig, weil sie mich anscheinend etwas gelehrt hat: „Stimmt! Aber wie ich sehe, haben Sie ja LEIDER gar nichts davon dabei … Schade. WIRKLICH schade.“
ReimzwangIch verziehe keine Miene und blicke ihr tief in die Augen. „Alles kein Problem. Wir haben auch eine Lyrik-Edition. Und jetzt, da ich weiß, dass Sie das überaus seltene Publikum dafür haben, komme ich einfach demnächst wieder vorbei – natürlich außer MONTAGS – und stelle Ihnen ausgiebig unser exquisites Lyrik-Sortiment vor. Bei Herrn X berufe ich mich dann am besten auf Sie und Ihre Empfehlung … NICHT WAHR?!“
Die Buchhändlerin hat ihr Lächeln verloren, ich meines wiedergewonnen. Ich werde sie mit Lyrik quälen.
Sadismus in der Buchbranche? – Yeah! 🙂