Der Bumerang-Effekt

Wenn man mit 18 rebellisch genug war, um von den Eltern vor die Tür gesetzt zu werden, dann ist man erst einmal glücklich. Der Knute der Eltern entflohen, konnte ich endlich tun und lassen, was ich wollte und was zuvor verboten war: Die Socken dort liegen lassen, wo ich sie ausgezogen hatte, monatelang nicht staubsaugen und ENDLICH vor dem Fernseher essen. Ich dachte, dies seien die Verheißungen der Freiheit und des Erwachsenseins und sie dauerten ewig an.

Und dann kam ER. ER ist mittlerweile 10 Monate alt, krabbelt wie ein Jack Russel auf Speed durch die Wohnung und kaut auf allem herum, was er zwischen die noch immer zahnlosen Felgen bekommt. Herumliegende Socken üben eine magische Faszination auf ihn aus, ebenso jedes Körnchen, das auf dem Fußboden liegt. Nachdem ich mich wunderte, dass er so extrem lange auf etwas wohl sehr Zähem herumkaute, holte ich ihm sogar schon Rollsplitt aus den Hamsterbacken.

Seitdem wird allabendlich die Wohnung akribisch aufgeräumt und tagtäglich gestaubsaugt. Und das Essen vor dem Fernseher haben wir Eltern uns auch verboten. Wir wollen unserem Kind ja ein gutes Beispiel sein.
Und so kommt es, dass wir Erwachsene uns selbst knechten. Nichts darf man mehr! Alles, wofür man in der Jugend rebelliert hat, ist plötzlich verboten.
Wird Zeit, dass ER langsam mal erwachsen wird …

PS: „Hat ja schon ein paar Jährchen gedauert. Aber jetzt hast du´s verstanden“, sagt mein Vater lächelnd, beißt in sein krümelndes Käsebrot und schaltet den Fernseher an.

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Hitzköppe

Hitzkopf

Ein fast wahres Dialog-Protokoll unter dem Einfluss massiver Sonneneinstrahlung.

A: Mann, ist das heiß. Das sind doch mindestens 40 Grad im Schatten.
B: Ja, ich bin auch schon ganz fertig von der Hitze. Hast du dran gedacht, die Grillkohle für heute Abend zu besorgen?
A: Verdammt, das hab ich glatt vergessen. Aber bei den Temperaturen ein Feuer anzuzünden, ist doch eh total bescheuert.
(Pause)
A: Wusstest du eigentlich, dass Hitze vergesslich macht?
B: Das glaub ich nicht. Dann würden die in Afrika ja unter permanenter Demenz leiden. Stell dir das mal vor: Unsere Vorfahren vor 60.000 Jahren. Die wären nie in Europa gelandet, weil sie jeden Tag vergessen hätten, dass sie morgen auswandern wollten. Wir würden noch heute in unschuldiger, verpeilter Unwissenheit leben und Abend für Abend beim Grillen am Lagerfeuer große Pläne für morgen schmieden. Niemand hätte die Idee umgesetzt, Ackerbau zu betreiben, die industrielle Revolution wäre ausgeblieben.petra-3010_1920.jpg
A: Und die Klimaerwärmung wäre auch vom Tisch.
B: Stimmt.
A: Aber dann wäre es auch nicht so heiß und wir würden uns ständig dran erinnern, dass das alles miteinander zusammenhängt.
B: Was hängt miteinander zusammen?
A: Das weiß ich ja nicht mehr, weil es so heiß ist.
B: Dass Du so vergesslich bist, liegt nicht an der Hitze, sondern daran, dass du vergesslich bist.
A: Nein, wirklich! Das liegt daran, dass wir so viel schwitzen und wir den Flüssigkeitsmangel nicht so schnell ausgleichen können. Das Hirn trocknet dann quasi aus und wir können uns viel schlechter konzentrieren. Noch dazu setzt die Wärme unseren Körper unter Stress. Die Stresshormone greifen dann wichtige Gehirnzellen an – vor allem im Hippocampus.
B: Hippo… hä? Was soll das sein, eine Uni für Flusspferde?
A: Nein, das ist eine Region im Gehirn, die für das Kurzzeitgedächtnis und die Konzentrationsfähigkeit verantwortlich ist. In dieser Hirnregion werden außerdem wichtige und unwichtige Sinneswahrnehmungen gefiltert. Kommt es hier zu einer Störung, greift man auf Routinen zurück. Man spult dann eingeübtes Verhalten ab und neue Informationen – wie zum Beispiel, dass man eigentlich Grillkohle besorgen wollte – werden gar nicht mehr verarbeitet.
B: Wer hat dir denn DAS erzählt?!
A: Keine Ahnung, kann mich gerade nicht daran erinnern.
B: Siehste …
feet-99991_1920A: Mann, ist das heiß. Hast du eigentlich dran gedacht, die Grillkohle für heute Abend zu besorgen?
B: Verdammt, das hab ich glatt vergessen. Wusstest du eigentlich, dass Hitze vergesslich macht?
A: Das glaub ich dir nicht. Dann würden die in Afrika ja unter permanenter Demenz leiden.
B: Quatsch, damit hat das nichts zu tun. Das liegt daran, dass wir so viel schwitzen und wir den Flüssigkeitsmangel nicht so schnell ausgleichen können. Das Hirn trocknet dann quasi aus und wir können uns viel schlechter konzentrieren. Noch dazu setzt die Wärme unseren Körper unter Stress und killt unsere Gehirnzellen.
A: Wer hat dir den DAS erzählt?!
B: Keine Ahnung, kann mich gerade nicht daran erinnern. Aber durch diese verdammte Hitze habe ich ständig Déjà-vues. Hast du eigentlich dran gedacht, die Grillkohle für heute Abend zu besorgen?
A: Verdammt, das hab ich glatt vergessen …

 

(c) Marion A. Müller. Opener-Text für die Lesebühe Vision & Wahn im August 2018.

Wider die Masse!

Der große, leere Raum, den ich gleich betreten werde, ist noch dunkel. Es ist mein erstes Mal und ich bin zehn Minuten zu früh. Durch die geschlossene Glastür sehe ich ein paar Gestalten, die fast schon hospitalistisch mit den Armen schlenkern. Ich trete ein und rufe ein fröhliches „Hallo“, das von den Betonpfeilern und den kahlen Wänden zurückgeworfen wird. Die Köpfe drehen sich zu mir, man mustert mich, scheinbar habe ich den Ernst der Lage nicht erkannt, denn alle schweigen. Dann fangen sie wieder an, voll konzentriert mit den Armen zu schlenkern.
Ich suche mir eine Ecke, aus der ich den Raum gut überblicken kann, und setze mich auf das Parkett. Die Tür geht auf, es kommen noch ein paar Leute, schweigend, mit schnellen Schritten und mit gesenkten Häuptern. Schon jetzt vollbringen sie mathematische Höchstleistungen, denn zielgenau positionieren sie sich zwischen den anderen mit dem maximal möglichen Abstand zwischeneinander. Es ist mucksmäuschenstill.
Das Neonlicht flackert auf. Es ist so weit. Jetzt geht es los. Eine halbnackte Brasilianerin betritt den Raum, ruft: „Hello, you have to do what I show you! So now: Have FUN!!!“

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In diesem speziellen Fall darf man Angst bekommen, wenn Frauen die Hosen runterlassen – auch als Mädchen.

Sie schaltet die Stereoanlage ein und Sambarhythmen tanzen aus den Boxen.
Ich habe diesen Kurs gewählt, weil mir Tanzen Spaß macht, meine Mitstreiterinnen sehen aber immer noch so aus, als hätte man sie dazu gezwungen. Verbissen lassen sie die Hüften kreisen, wackeln mit zusammengekniffenen Arschbacken im 2/4-Takt und werfen nach Ansage so kokett den Kopf zurück, wie es nur echte deutsche Frauen können, gestählt von Heim und Herd und dem Workout auf der Karriereleiter.
„And make your moves out from your middle! HAVE FUN!!!“, überschreit die Brasilianerin die Musik und tanzt als Einzige nicht wie eine Eisenstange aus Krupp-Stahl. Sie tut mir leid, weil im großen Spiegel sieht sie ja, wie sich das deutsche Elend bewegt, mit Leidenschaft und Lebensfreude haben die zusammengepressten Lippen meiner Mitstreiterinnen jedenfalls nichts zu tun. Also wenn DAS die Tanz-Spaß-Gruppe ist, bin ich froh, dass ich nicht im Hard-Core-Buti-Pimp-Up-Kurs gelandet bin.

Als ich feststellte, dass ich durch das ewige Sitzen am Schreibtisch Rückenschmerzen bekam, hatte ich beschlossen, mich zu bewegen. Außerdem habe ich für ein Wannenbad immer weniger Wasser gebraucht – das ist zwar gut für die Umwelt aber schlecht fürs Ego. Und so reihte ich mich ein in die Gruppe der Selbstoptimierer und verkaufte meinen Körper an ein Fitness-Studio. 11% der deutschen Gesamtbevölkerung quält sich mittlerweile freiwillig und lässt sich von sadistischen Trainern anschreien und zur Schnecke machen.
Und Schuld an diesem Trend hat … Napoleon. Turnvater Friedrich Ludwig Jahn hatte 1810 – in Berlin – den „organisierten Sport“ erfunden; mit der Absicht, eine körperlich fitte Bürgerwehr zu schaffen, um das von Napoleon besetzte Preußen zu befreien.
Heute kämpfen wir allerdings nicht mehr gegen die Franzosen, da sind wir friedlicher geworden. Mittlerweile ist das Fettpolster unser größter Feind.

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Die Rolle / die Röllchen der Frau waren schon zu Rubens Zeiten ein gesellschaftlich brisantes Thema.

Aber das war ja schon immer so: Das „andere“ ist immer mehr sexy als das, was man gerade hat. Rubens üppige Frauen waren deshalb so schön, weil der überwiegende Teil der Bevölkerung ständig befürchten musste zu verhungern. Und im Mittelalter würzten die Feudalherren all ihre Speisen viel lieber mit Honig und Zucker als mit Salz – also auch den Gänsebraten, das Wurzelgemüse und die gebackene Forelle – einfach, um zu demonstrieren, dass man sich das leisten kann. Aber da hatte man noch eine ganz andere Einstellung zum Zucker, schließlich ging man davon aus, dass er den Körper reinige, wohltuend für die Nieren sei und sich hervorragend für die Zahnpflege eigne.

Ja, die wussten es damals einfach noch nicht besser. Aber wir! Nur wenden wir unser Wissen leider gar nicht an. Spätestens seit 1905 wissen wir, dass E=mc² ist – eines der wichtigsten Naturgesetze, das jemals entdeckt wurde. E steht für Energie, m für Masse und c für Lichtgeschwindigkeit. Diese Formel sagt unter anderem, dass Energie in Masse umgewandelt werden kann und umgekehrt. Materie ist also geronnene Energie. Wer jemals eine hochkalorische 1-Kilo-Sahnetorte ganz allein gegessen hat und sich am nächsten Morgen auf die Waage gestellt hat, dem dürfte dieses Prinzip, dass sich Energie in Masse verwandelt, vertraut sein.

Aber ganz ehrlich: Da hab ich jetzt gelogen. Ganz so stimmt das natürlich nicht, weil es sich bei dem Vorgang „Sahnetorte transformiert sich in Hüftgold“ um einen biochemischen Vorgang handelt und nicht um einen physikalischen. Es ist lediglich ein Stoff-Umwandlungsprozess von der einen Masse in eine andere. Einstein hingegen formulierte mit seiner legendären Formel, dass die Sahnetorte quasi in pure Energie zerstrahlt werden kann und nichts als Energie von ihr übrigbleibt. Noch nicht mal so ein bisschen Asche, sondern reine Strahlung in Form von Wärme oder Licht.

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So kann das aussehen, wenn Sahnetorte zerstrahlt

Mit E=mc² birgt ein Kilogramm Sahnetorte so viel Energie in sich, wie bei der Verbrennung von 3 Millionen Tonnen Braunkohle frei wird. 3 Millionen Tonnen Kohle, das entspricht einem Kohleberg von der Größe der Cheopspyramide. Und so eine Menge am Tag nach der Schlemmerei MEHR am Arsch kleben zu haben – also das wäre ja schon sehr unfair. Wir können also froh sein, dass wir Sahnetorten nur biochemisch umwandeln und nicht physikalisch.
Aber trotzdem bleibt bei dieser Formel E=mc² ja noch das c, die Lichtgeschwindigkeit. Und das bedeutet, dass je mehr man einen Körper beschleunigt, um so schwerer wird er und um so mehr Energie benötigt man, um ihn zu bewegen.
Deswegen sind Interstellarflüge mit Lichtgeschwindigkeit auch so unwahrscheinlich. Je schneller ein Raumschiff wird, desto schwerer wird es und um so mehr Energie braucht man, um es zu beschleunigen.

Und genau hier sollte der moderne, körperbewusste Fitnessmensch ansetzen. Mit ein bisschen Wissen und Physik bleibt uns vieles erspart: Je schneller wir uns bewegen, um so schwerer werden wir. Mörderische Fitness-Kurse bringen absolut nichts! Im Gegenteil, wir werden während unseres Workouts auf dem Laufband nur schwerer. Einstein hat‘s bewiesen.
Morgen werde ich mich beim Fitnessstudio wieder abmelden. Wobei …

Einstein bewies schließlich auch, dass Masse Dellen in der Raumzeit verursacht. Die Raumzeit ist das Gummituch und darauf „liegen“ die schweren Objekte wie Sonnen, Planeten und schwarze Löcher. Wenn wir in den Himmel blicken und dort die Sterne glitzern sehen, dann sehen wir zugleich die Orangenhaut des Universums, mit seinen Dellen in der Raumzeit.

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Auch die Erde verusacht unschöne Dellen in der Raumzeit. Hilf mit, die Optik des Universums zu verbessern. Je leichter Du wirst, desto leichter wird die Erde und desto makelloser wird das Universum. Ich kann Dir einen SUPER Tarif in Deinem Fittnessstudio vor Ort vermitteln 😉

Und ist mein Oberschenkel mit seiner Orangenhaut nicht auch ein kleines Abbild des Universums? Und wäre das Universum nicht auch froh, wenn es etwas dagegen tun könnte? Ich muss nur 35 € im Monat zahlen und im Gegensatz zum Weltall, das sich in ganz anderen Dimensionen zu bewegen hat und dementsprechend bestimmt schlechtere Konditionen bei seinem Fitnessstudio vor Ort bekommt, habe ich es wohl noch ganz gut getroffen.

 

Die Off-Kultur von Richard Wagner & einer Prinzessin

by Sübkültür

Ein Lesebericht mal ganz anders …

Gestern* bin ich das erste Mal in meiner Heimatstadt Bayreuth mit „Jedem Tierchen sein Pläsierchen“ aufgetreten, meinem Soloprogramm. Eine Berliner Lesebühnenautorin in Bayreuth … ich hatte mich fast schon ein wenig gefürchtet. Bayreuth – kulturell ist das vor allem Richard Wagner (†1883) und Markgräfin Wilhelmine (†1758).

Prinzessin Wilhelmine von Preußen war die Lieblingsschwester von Friedrich dem Großen. Eigentlich sollte sie den englischen Thronfolger heiraten und sie wurde dementsprechend am Preußischen Hof erzogen. Sie war hochgebildet und künstlerisch in Topform – und dann platzten die Verlobung und die Königinnenträume, und Wilhelmine wurde an den Markgrafen von Brandenburg-Bayreuth verschachert. _Pinguin
Das kleine Städtchen Bayreuth war damals mehr als nur unspektakulär: kein Pomp, kein Theater, keine Poeten, keine Komponisten, keine Partys und in Sanssouci wäre das Bayreuther Schloss selbst als Geräteschuppen unten durchgefallen.
Wilhelmine fing also an, große Denker und berühmte Künstler nach Bayreuth zu holen, sie gab ein paar Barockschlösser in Auftrag, ließ Lustgärten anlegen und das Markgräfliche Opernhaus bauen, das mittlerweile UNESCO-Weltkulturerbe ist.

Dieses Opernhaus war auch der Grund, warum Richard Wagner nach Bayreuth kam. Denn er war auf der Suche nach einer besonders großen Bühne. Die im Opernhaus war zwar riesig, allerdings passten seine brachial-pathetischen Musikdramen nicht so recht zu den pausbäckigen goldenen Barrockengelchen … und weil das nicht da war, was er für die Umsetzung seiner Vision brauchte, baute er sich was Eigens auf dem Grünen Hügel.

12805799_818688238258615_3847666822093415186_nZwischen diesen zwei Berühmtheiten bewegt sich das kulturelle Leben auch heute noch und abseits davon passiert – na, ich sag mal: wenig.
Dabei müsste meine Heimatstadt gar nicht so verschlafen sein. Immerhin gibt es hier über 13.000 Studenten. Scheinbar sind die alle abends extrem fleißig am Büffeln. Oder vielleicht gibt es auch einfach nicht genügend coole Locations? Es kann ja wohl nicht dran liegen, dass die meisten BWL und Jura studieren 😉

Ein paar äußerst ambitionierte Leute haben vor ca. drei Jahren den Kültürklüb e.V. gegründet, weil sie fanden, dass Bayreuth viel zu wenig Kleinkunst, frische Literatur, Geheim-Tipp-Konzerte oder andere Off-Szene-Veranstaltungen zu bieten hat. Mitten in der Innenstadt findet nun im „Forum Phoinix“, einem schnuckeligen kleinen Laden, der tatsächlich so ein bisschen Großstadt-Flair hat, wöchentlich die Sübkültür statt.

12801329_818688271591945_4542473220701985875_nDas alte Sandsteingebäude wurde dem Verein überlassen, eine Sanierung wäre zwar nötig, aber zu teuer, nur das Erdgeschoss hat fließend Wasser, Strom und Ofenheizung … Es gibt einen Raum für die Veranstaltungen, einen für die Bar und einen zum Chillen, die Einrichtung variiert zwischen Provisorium, Zweckdienlichkeit und guter Technik, Mit durchgessenen Sofas, Tonübertragung in alle Räume und einer Stehlampe, die ein Zimmer nur schöner macht, wenn sie woanders steht. Und das alles erinnert mich an die rebellische Zeit, bevor es in meiner Wahlheimat Berlin mit dem Totsanieren losging und solch schöne Szene-Läden geschlossen wurden.

Also kein Wunder, dass ich mich bei meiner Lesung „Jedem Tierchen sein Pläsierchen“ gleich tierisch wohl fühlte – was wahrscheinlich auch daran lag, dass die Betreuung so exzellent und herzlich war. Das ist nämlich überhaupt keine Selbstverständlichkeit.

_Lemming

Normalerweise läuft es so ab, dass bei Kulturvereinen keiner so richtig für irgendwas zuständig ist („Ich mach das hier nur ehrenamtlich“), geschweige denn, dass es im Vorfeld eine Presseankündigung gibt („Oh, haben wir wohl vergessen. Aber wir sind sowieso davon ausgegangen, dass DU die Leute mitbringst … Ach, du kommst gar nicht von hier … oh, na dann wird das heute Abend wohl nix …“), dass jemand die Technik bedienen kann („Ich hätte gedacht, du machst das einfach während der Lesung selbst“) oder dass man Getränke bekommt („Also das Bier kostet für dich als Performer nur 3,90 statt 4,00 €“). Gab es alles schon. Um so schöner, dass es auch noch Menschen mit Herzblut und Visionen gibt.

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Selbst meine Praktikanteneulen Ringel & Rungel waren in guter Gesellschaft: Ein Leucht-Flamingo und ein Klugscheißer- Schaf

Ein ganz großes Dankeschön an all die Zuhörer, die u.a. von weit her kamen und an alle Kültürklübber von Sübkültür, es war mir ein Fest!
Ich finde es bemerkenswert, wenn man nicht nur jammert, dass nichts los ist und alle Locations vor Ort doof sind, sondern etwas dagegen tut und das auch noch konsequent organisiert. So, wie das damals auch Markgräfin Wilhelmine und Richard Wagner getan haben.

PS: „Jedem Tierchen sein Pläsierchen“ – diesen Spruch hat übrigens Friedrich der Große erfunden – Ha! und schon schließt sich der Kreis 🙂

Mein Buch Evasapfel bei Periplaneta

Sübkültür im Netz
Sübkültür auf facebook

 

*Dienstag, 01.03.2016

(Die Fotos ohne Blitzlicht wurden mir von Sübkültür zur Verfügung gestellt, danke an Alex Bauer.)

Leipzig Book… fair?

Ein Stand auf der Buchmesse ist wie ein riesiger Flyer in 3D. Er kostet viel Geld und man weiß nicht, was es letztendlich bringt. Keiner meiner Kollegen konnte mir im Vorfeld sagen, wie viele Bücher eines Titels man dort ungefähr verkauft und was genau ein Buchmesseauftritt eigentlich für konkrete Vorteile hat. Man ist halt dabei, weil man dabei sein sollte. Warum auch immer. Aus Tradition, weil es Usus ist, weil es schon immer so war und immer so sein wird.

Periplaneta auf der Buchmesse. Die coolsten Bücher.
Periplaneta auf der Buchmesse. Die coolsten Bücher dank Leikeim

Ich habe sehr lange gezweifelt und gezögert, denn es erschloss sich mir gar nicht, warum man seine eigenen Bücher zwischen Zigtausenden anderer Bücher stellen soll, dafür zwei Euro pro Quadratzentimeter und zusätzlich Strom, Messepauschalen, Parkgebühr, Einträge in Verzeichnisse, Pressefächer usw. usf. zahlen muss – und dann noch nicht mal selbst verkaufen darf. Aber halt!

Stimmt, es geht ja nur um Reputation und darum, die Eier auf den Tisch zu legen. Es ist auch bald Ostern und Reputation ist natürlich schön. Aber Periplaneta muss wirtschaftlich arbeiten. Jede Investition muss sich halbwegs rechtfertigen und darf keine finanziellen Löcher hinterlassen. Das ist die eiserne Regel. Weil wir sie so strikt einhalten, gibt es uns in diesem harten Literaturmarkt immer noch.

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History Of Periplaneta

Marion Alexa Müller über 6 Jahre PeriplanetaAnlässlich des sechsten Geburtstages von Periplaneta habe ich die Verlagsgeschichte aufgeschrieben und auf der Periplaneta Webseite veröffentlicht. Ein nicht ganz objektiver Beitrag über eine sehr bewegte und bewegende Zeit.

Von Null auf 150 in sechs Jahren:

Die Periplaneta Verlags- und Mediengruppe ist nicht aus dem Nichts entstanden. Einige Bestandteile gab es in anderen Formen schon viel früher. So ging das Independent-Magazin Subkultur 1997 online und die Lesebühne Vision & Wahn gab es bereits 2004. Anfang 2007 wurde dann das Silbenstreif-Studio aus der Taufe gehoben. Dabei war ich als angehende Filmrestaurateurin für die Video-, Thomas Manegold für Audioproduktionen zuständig (wenn ich im Folgenden „wir“ schreibe, dann sind in erster Linie ToM und ich gemeint). Die Hörbücher, die bei Silbenstreif in Auftrag gegeben wurden, konnten wir jedoch nur produzieren und nicht über den Buchhandel vertreiben. ISBNs mussten her. Während ich also den langwierigen Versuchsreihen zu meiner Diplomarbeit beiwohnte, las ich Bücher wie „Schon morgen mit einem Verlag reich werden“ und war in meiner grenzenlosen Naivität davon sehr beeindruckt …

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50 50 (sprich: Fifty Fifty)

Umzugsstress„Fifty Fifty“ … Sind wir nicht alle ein bisschen Konrad… oder ein bisschen unscharf?

„Ich will den da! Der kuckt so niedlich! Mami Mami, der ist so süß!“
Es war immer derselbe Spruch, der gleiche Ablauf: Erst ein spitzer Schrei des Entzückens, dann patschten klebrige Kinderhände an die Scheibe und schließlich tauchte die riesige Hand des Verkäufers in das Terrarium und holte einen von ihnen heraus.
Konrad seufzte. Er hatte schon viele gehen sehen, in eine ungewisse Zukunft. Er ahnte es: Die Mädchen wollten ein Haustier als Puppenersatz und die Jungs ein Upgrate für ihren Chemiebaukasten. Aber ihm würde das nicht passieren. Er war ja nicht blöd. Er war sich sogar ziemlich sicher, dass er der einzige intelligente Hamster hier war. Und das schon seit mehreren Monaten …“

Marion Alexa Müller, Text zum Thema „Umzugsstress“ bei der Lesebühne Vision & Wahn
Produktionsjahr: 2012 © periplaneta.com / silbenstreif.de

Von einem der auszog

Marion Alexa Müller
Marion Alexa Müller

„Solange du deine Füße…“ und so weiter und sofort. Phillip konnte es nicht mehr hören. Ständig diese Vorhaltungen, Erwartungen und diese Diskussionen. Natürlich sollte man irgendwann flügge werden, das Nest der Eltern verlassen, aber was sie da von ihm verlangten, war einfach unmöglich. „Weißt du, mit ein bisschen gutem Willen geht alles. Aber ich seh schon: Du willst einfach nicht. Du bist zu faul. Nach all der Zeit, die ich in dich investiert habe, willst du es mir einfach nicht danken. Und du isst viel zu viel. Schau dich doch mal an, du hast eine wirklich unmögliche Figur!“

Phillip schaute seinen Vater von oben herab an. Er war nicht faul. Er war auch nicht dumm. Und er fühlte sich ungerecht behandelt. Er sollte fliegen! Fliegen! Weil alle Vögel fliegen. Weil sie fliegen müssen, wenn eine Katze kommt, oder ein Fuchs oder eine Elster. Sein Vater betete es ihm immer und immer wieder vor: „Gerade hinstellen, Flügel ausbreiten, flattern und sich vom Boden abstoßen. Fliegen!“

Tage-, ja wochenlang hatten sie geübt, seine Brüder und Schwestern waren schon längst weg, da riss Papa der Geduldsfaden: „Stell dich nicht so an! Du bist so groß wie du blöd bist. Seit Generationen fliegen wir Lerchen, das ist einfach so und wird auch immer so bleiben. Nur du, du kannst weder fliegen noch singen. Du bist wirklich eine Schande für jede Lerche.“

Für Phillip war es eindeutig: Er war anders als sein Vater, anders als all die anderen Vögel. Aber er wollte doch so sein, wie alle anderen, durch die Luft fliegen und sich die Welt von oben betrachten. Na gut, er versuchte es noch einmal: Gerade hinstellen, Flügel ausbreiten, flattern und sich vom Boden abstoßen.

Er hüpfte, schlug wild und recht unkoordiniert mit den Flügeln, zog die langen Beine an und hielt sich tatsächlich ein paar Sekundenbruchteile in der Luft. FOMP! Der Boden bebte geradezu, als Phillip wieder aufklatschte und dabei fast seinen eigenen Vater zerquetschte. „Ich kann nicht!“ – „Nein, Phillip, du willst nicht.“ Sein Vater wandte sich enttäuscht ab und flog davon.

Am Anfang war sein Vater noch sehr stolz darauf, dass seine Gattin ein derart großes Ei gelegt hatte. Er führte es natürlich auf seine unglaubliche Potenz zurück, plusterte sich bis zum Bersten auf und schmetterte ein Lied, dass alle es hörten. Seine Frau stand nur neben dem Nest und wunderte sich still. Nein, dieses Ei hatte sie wirklich nicht gelegt. Da wäre sie ja dabei geplatzt. Aber nachdem es nicht das Ei eines Kuckucks war und sie die anderen kleineren Eier dementsprechend nicht gefährdet sah, schwieg sie. Sie vermied dadurch nur unangenehme Fragen und haltlose Unterstellungen ihres Gatten und schließlich wollte sie ihn nach diesem musikalischen Auftritt nicht vor allen anderen bloßstellen. Auch später verlor sie nie ein Wort über ihre Zweifel und letzen Endes war es ja auch egal, denn Phillip war schließlich ein ganz entzückendes Kücken gewesen, mit seinen großen Augen und den langen Wimpern.

Phillip schaute seinem davongeflogenen Vater hinterher und in diesem Moment beschloss er, wegzugehen. Im wahrsten Sinne des Wortes. Vielleicht würde er ja noch andere Lerchen finden, die auch nicht fliegen könnten. So lief er los, durch die Weiten Mecklenburg-Vorpommerns.

Nach ein paar Tagen und nachdem er schon fast die Hoffnung aufgegeben hatte, passierte das Unglaubliche: Hinter einem großen Zaun sah er in einiger Entfernung andere Lerchen, die genauso groß waren wie er, die diese langen Beine und langen Hälse hatten und einfach nur über die Wiese starksten. Ohne zu singen. Er konnte es kaum fassen. Da wollte er hin.

Er musste lange suchen und schließlich fand er eine Stelle am Zaun, die nicht so hoch war. Er brachte sich in Position, schloss die lang bewimperten Augen und konzentrierte sich: gerade hinstellen, Flügel ausbreiten, flattern und sich vom Boden abstoßen. FOMP! Er hatte es geschafft. Er war auf der anderen Seite. War also das wochenlange Training mit seinem Vater doch nicht umsonst gewesen.

Freudig lief er auf die anderen Lerchen zu, die, wie er kurz darauf lernte, gar keine Lerchen waren. Er war ein Nandu und endlich unter seinesgleichen.

Ein paar Wochen später lag Phillip als Nandu-Steak auf einem Teller.

© Marion Alexa Müller aus „Evasapfel – Businessfrauenmärchen“